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Nachruf auf Hans-Jochen Vogel

Nachruf auf Hans-Jochen Vogel

von Gesine Schwan

Noch im Mai diesen Jahres hat Hans-Jochen Vogel mir engagiert wie immer und mit einer umfangreichen Dokumentation nahegelegt, als Vorsitzende der Grundwertekommission dafür zu sorgen, dass eine Bodenrechtsreform in das SPD Wahlprogramm für 2021 kommt. Das war mehr als eine Bitte. Dazu hatte er mit 93 Jahren ein sehr kompetentes „Büchlein“, wie er es nannte, geschrieben. Seine Energie, für Gerechtigkeit zu kämpfen, nicht zuletzt in der Wohnungspolitik, seinem ureigenen Kompetenzfeld, war schier unerschöpflich. Als Ehrenmitglied der Grundwertekommission der SPD verfolgte er ihre Tätigkeiten gewissenhaft und griff ein, wenn er dies für nötig hielt.

Dass er dabei streng Aufträge ersteilte, war manchmal unbequem. Aber zu erleben, wie hier ein Sozialdemokrat ohne jede Karriereabsicht unerschütterlich seine Sache verfolgte und mit ausgefeilten Argumenten stritt, war so ermutigend, dass man gern noch mehr Aufträge entgegenzunehmen bereit war. Hans-Jochen Vogel war ein Fels in der Brandung, die Personifizierung der Integrität, er war ein Überzeugungstäter und eine Autorität. Sich ihm gewachsen zu zeigen, war nicht einfach, man musste sich sehr anstrengen, um nicht bei einer gedanklichen Nachlässigkeit ertappt zu werden. Aber als echte Autorität sorgte er dafür, dass die Genossinnen und Genossen an seinen Forderungen wachsen konnten.
Einmal haben wir uns so lauthals gestritten, dass ich eine Woche lang heiser war. Er nicht. Am Ende der Woche traf ich ihn in der Deutschen Oper Berlin und er fragte ironisch, aber wohlwollend, ob ich wieder genesen sei. Ja, man konnte mit ihm streiten, aber das hat die menschliche Verbundenheit nicht gestört. Das lag an seiner geistigen Großzügigkeit, seinem weiten Horizont, seiner umfassenden Bildung und seiner damit verbundenen Einsicht, dass man bei aller Selbstdisziplin und Strenge doch auch irren kann. Sogar er. Und es lag an seinem tiefen, sehr reflektierten christlichen Glauben, der menschliche Verbundenheit höher schätzte als theoretisches Rechthaben und der unsere Endlichkeit nie aus dem Blick verlor.

Das galt über die Parteigrenzen hinweg. Mit Hildegard Hamm-Brücher verband ihn eine lange politische und menschliche Freundschaft. Davon zeugte seine wertvolle Mitarbeit in der von ihr gegründeten Theodor-Heuss-Stiftung, die ihm sehr viel verdankt. Seine Freundschaft hielt ihn allerdings nicht davon ab, Hildegard Hamm-Brücher auch von Zeit zu Zeit zu widersprechen. Sie hat das – nicht immer begeistert – akzeptiert.

Als Mitbegründer des sog. Seeheimer Kreises galt er in den siebziger Jahren als „rechter“ Sozialdemokrat. Er war eben kein Marxist und strebte keine Systemüberwindung an. Auf dem Boden des Grundgesetzes ging es ihm um radikale Reformen, z.B. zum Boden- und Baurecht, um vorzügliche öffentliche Verkehrsmittel in München, generell um öffentliche Güter, auch ein verlässliches Rechtssystem gehörte dazu, das alle in Anspruch nehmen können sollten.

Jochen Vogel hat hohe Ämter im Staat und in der Partei innegehabt, bis hin zum Parteivorsitzenden in der schwierigen Nachfolge Willy Brandts, der ganz anders war als er, den er aber hoch respektierte. Seine Ämter haben ihn sicher auch mit Genugtuung erfüllt. Aber sein Amtsverständnis war ein Dienstverständnis. Dienst und Pflicht standen hoch im Kurs bei ihm. Er war ein ausgesprochen protestantischer Katholik.

Wir mussten damit rechnen, dass Hans-Jochen Vogel, der seine Krankheit tapfer und demütig ertrug, von uns gehen würde. Nun ist es geschehen, und wir sind sehr traurig darüber, ihn und seine großartige Frau Lieselotte nicht mehr zusammen im Augustinum in München besuchen zu können. Hans-Jochen Vogel war ein wunderbarer Freund, nüchtern und leidenschaftlich.

27.7.2020